Gudrun
1. Kapitel in zweiter Fassung

„Winibert der kleine Wicht, reimt sich nicht“

Als Gudrun dies in Fritzis neuen Bestseller las, beschloss sie ihn nicht weiterzulesen, weil ein Autor seiner Hauptfigur in ihren Augen keine dämlichen Namen geben dürfe.

Gudrun Friolin lebte in einer kleinen Siedlung am Stadtrand, wo sie ihren Lebensabend genoss. Ihr Mann war vor Jahren schon mit Nachhilfe verschieden, doch der Fall wurde nie vollständig aufgeklärt. Sie hatte aus ihrer Ehe nichts lebendiges als einen Dackel behalten, der inzwischen auch schon zwangsläufig die Gehsteige säuberte. Ihr Mann, ein berühmter Kanalarbeiter, hatte ihr eine stattliche Summe hinterlassen, die er lange Zeit zusammensparen musste; nicht leicht, wenn man an die vielen Ramschläden in der Umgebung denkt. Gudrun bekam keine Witwenpension, da sie durch eine soziale Lücke fiel, weil die Pension ihres Mannes um 65 Cent zu hoch war, um jetzt noch Beihilfen zu erhalten.

Doch dies gab ihrem Hobby keinen Abtrieb, im Gegenteil! Nun hatte sie sogar einen plausiblen Grund in der Magistratsabeitlung 112 für Innere Beschwerden herumzugurken, doch sie galt inzwischen ohnehin schon als Teil der Ausstattung. Ob es nun zu bunte Buntstifte oder um die Konsistenz von Nachbars Gartenzaun handelte, sie beschwerte sich über alles und jeden; und wenn nötig auch 37 mal!

Montag, der 12 Juli, ein Werktag.

Fünf nach neun kam Gudrun mit ihrer alltäglichen, außer Sonn- und Feiertags, Begrüßung: „Ich habe eine Beschwerde!“ Auf die spöttische Antwort des diensthabenden Beamten: „Was täten wir nur ohne Sie?“ kam nur ein: „Um sechs nach neun auch noch Kaffeetrinken“ - und schon waren zwei Lebewesen in diesem Raum voll in ihrem Element. Außer Gudrun noch ihr Hund Fifi, der eine Topfpflanze anbellte, in der Hoffnung, dass sie tot umflog. Wie viele Jahre es noch dauern würde, bis er mitbekommt, dass sie aus Plastik ist?

„Abgesehen davon, dass sie heute um fünf Minuten zu spät geöffnet haben, ist es kein Zustand, wie sie ihre Bleistifte auf dem Tisch herumkugeln lassen. Ich will sie ja nicht kritisieren, wenngleich ich den Fleck auf ihrer Jacke als Provokation sehe, der ich allzu gut wiederstehe, aber so geht das einfach nicht! Wie sie wissen, beschwere ich mich nur wenn es unbedingt nötig ist! ...“

Gegen zwölf schloss das Amt mit der Verabschiedung von Frau Friolin. Die Beamten archivierten die Beschwerden des heutigen Tages. Allgemeine Beschwerden, erstes Untergeschoss, Gudrun Friolins beschwerden, zweites Untergeschoss.

Spätestens jetzt ist wohl verständlich, wieso die Polizei ihre Ermittlungen damals aufgegeben hat. Nein, Irrtum! Es war keine Beschwerde Gudruns.

Nach dem Mittagessen beschwerte sich Gudrun zwar über den Preis, ansonsten verlief das Mittagessen beschwerdefrei, abgesehen von der Dienstaufsichtsbeschwerde gehen den Kellner und einer Anzeige wegen fahrlässiger Köperverletzung gegen den Koch. Doch ich denke, in jeder Nudelsuppe schwimmt eine widerspenstige Nudel, die indirekt proportional zum Bemühen sich leicht essen lässt, und mit einwenig Ungeschick lassen sich daraus die tollsten Verletzungen zaubern.

Weder der Dreckfleck auf dem Kanaldeckel, noch der unausgelehrte Mistkübel an der Kreuzung Ottmangasse/Athaberstraße konnte sie aus ihrer Ruhe bringen. Sie zückte ihren ISO-genormten Beschwerdeblock und protokollierte jeden Missstand.

Etwa fünfzehn Minuten später betrat sie den Park um Fifi seine halbminütige Freiheit zuzugestehen. Auch hier protokollierte sie Missstände, die selbst ein Habicht nicht gesehen hätte. Kein Wunder! Würde ein Habicht auf solche Sachen achten würde er die Lebensbedingungen der Maus analysieren, anstatt sie zu fressen, was auf Dauer keine Befriedigung gewährleistet. Hoch lebe unser Gesellschaftssystem!

Völlig ruhig passiert sie den selbstständigen Hotdoghändler, dem sie zwar telefonisch die Gesundheitsbehörde auf den Hals hetzt – doch dieser soll uns im weiteren nicht interessieren, da er in Zukunft sowieso einer anderen Arbeit nachgehen darf.

Die Runde, die Gudrun Fifi durch den Park geschliffen hat, war beinahe zu Ende als plötzlich etwas Gudruns Aufmerksamkeit ergatterte. Es kam wie aus dem nichts. Würde es einen Schock für Gudrun darstellen?

Etwa zur gleichen Zeit rannte ein Mann ziemlich hektisch am Flughafen. Er hatte nur noch knappe zwei Minuten um zu seinem Beförderungsmittel zu kommen. Würde er es noch schaffen? Er gab sein letztes, links, rechts, ducken – er war schneller all die anderen! Doch da übersah er eine Säule mit einem Durchmesser von etwa einem halben Meter. Trotz der Geschwindigkeit und der stärkeren Beleibung des Ankommenden schien sich die Säule nicht im geringsten für ihn zu interessieren und ließ ihn auflaufen.

Einwenig benommen lag er am Boden und wunderte sich, wo plötzlich die ganzen Menschen herkamen. Sie liefen an ihm vorbei ohne in zu bemerken. Wahrscheinlich liefen sie, so wie auch er bis zum Moment des Aufpralls, zum Zug in die Stadt, der nur einmal pro Stunde gedenkt zu kommen. Er lief der Masse nach, nicht seiner, sondern der eines dicken Mannes, der meinte ihm einen Weg zeigen zu können, wie er doch noch seinen Zug erreichen könne. Als die beiden schlussendlich auf einem Parkdeck des Parkhauses ankamen begann der dicke Mann schallend zu lachen.

Recht frustriert zog Fritz ab. Er kaufte sich ein Eis am Stiel dessen Stiel genau in dem Moment abbrach, in dem er seinen Koffer öffnete. Wie nicht anders zu erwarten, fiel das Eis neben den Koffer und beim Versuch es zu fangen stolperte Fritz über den Koffer und eine Flasche Wein zerbrach. Zum Glück war er rot, so sah er wenigstens welche Kleindungsstücke neben dem Flughafenboden betroffen waren. Anscheinend handelte es sich um eine Gleichverteilung stammelte er vor sich hin, als schon die ersten beiden Sicherheitskräfte ankamen. „Rot – Koffer – Bombe,“ war der Wortlaut des einen, als er Fritz die Handschellen anlegte. Sofort waren an die fünfzig Beamte zur Stelle die den Flughafen großräumig abriegelten. So schnell hätte es auch gehen sollen, als ein Nachbar Fritzs Haus in die Luft jagte dachte er sich nur. Sie führten ihn gerade ab, als ein Bombenkommando der Staatspolizei eintraf.

„Aua“ rief Gudrun als ihr der selbstgebastelte Drachen eines Jungen etwa zehn Zentimeter senkrecht unter der Augenlinie ins Gesicht donnerte. Abgesehen davon, dass ihr Holz nicht schmeckte gab sie dem Jungen zu verstehen, dass sie nicht mehr so ruhig wie sonst war, wie sonst immer. Nach dem siebenten ISO-genormten Beschwerdezettel und einer ausführlichen Erläuterung des Gesetztes „aktio est reaktio“ zog der Junge mit einem unhöflichen „leck mich doch“ ab und beeilte sich sehr, da er der alten Dame, die Erkennung, der Doppeldeutigkeit dieser Phrase nicht zuzutrauen schien.

Am nächsten Werktag um 30 nach neun beschwerte sich Gudrun nicht nur über den Schlüsseldienst, der eine halbe Stunde gebraucht hatte, um das Schloss zu richten, sondern auch, unter anderem, über den Jungen. Der mehr oder weniger zuständige Beamte wäre einer Ernst-schau Prämie würdig gewesen, doch manche Menschen haben einfach nur einen beschränkten, undurchschaubaren Sinn von Humor, der keinerlei Überdeckung mit irgendwelchen anderen zeigt. Das eine Studie über artgerechte Haltung, Aufschlüsse über diese Divergenzen geben würde, ist sich der Beamte am Schreibtisch nebenan ziemlich sicher, doch vorerst spielten seine Körperfunktionen ein böses Spiel mit ihm. Tja, schön blöd wenn man nicht mehr aufhören kann zu lachen. Aber man muss ihn nach der Blumentopfanzeige des Vortags verstehen, doch wer konnte im vorhinein vermuten, dass jemand ein eingravierte Herz auf einem Blumentopf nachmisst und draufkommt, das es nicht symetisch war.

Während der lachende Beamte versuchte sich schnellstmöglichst zu entfernen und Gudrun einen ISO-genormten Beschwerdezettel zur Manifestation der Situation benutzte, durfte Fritz den steinern Boden der Flughafenzelle küssen. Während Fritz noch im Kopf den Abwurfwinkel berechnete entschärfte das Bombenkommando seine Weinflasche. Inzwischen waren die Medien eingeschaltet und das Fernsehen berichtete Live. Alle andere Flughäfen im Land wurde auch gesperrt, als auch alle Bahnhöfe und Busstationen.

Während ein berühmter Filmresigieur die Filmrechte für die Situation kaufte und diverse terroristische Organisationen miteinander telefonierten um ihre Forderungen zu Stellen, kam Fritz ein Lächeln über die Lippen. 54,3° war der Winkel gewesen. Bei den diesigen Witterungsbedingungen zwar nicht der Optimalwinkel, doch durchaus nicht schlecht, für die Spontanität es Wurfes dachte Fritz.

Er zückte seinen Kugelschreiber in der Motivation den Winkel zu notieren, doch der Sicherheitsbeamte schien eine Waffe gesehen zu haben und schoss ihm ins Bein. Fritz sackte zusammen. Inzwischen hatte das Bombenkommando bemerkt, dass es sich um keine Bombe handelte. Der leitende Beamte kontaktierte seinen Vorgesetzten, der mit dem Drück des Geldes des Ressigeurs im Nacken befahl, weiterzuentschärfen bis die Gefahr gebannt sei. Fünfzehn Minuten später trat das Bombenkommando mit einem zwanzig Zentimeter langen Stück Draht vor die Öffentlichkeit. Mit dem Worten „Wir haben es geschafft,“ wurden sie umjubelt.

Fritz wurde unter höchster Bewachung in das Militärkrankenhaus Neufeldsee gebracht, welches schon 31 Anzeigen wegen Ruhestörung bei Waldspaziergänge von Gudrun herhalten durfte.

Autor: Philipp Bergh
Version 0.2 / 12.04.2004